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Multiples Myelom
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Das Multiple Myelom (MM), kurz auch Myelom, hĂ€ufig synonym verwendet Plasmozytom (frĂŒher auch myelogenes Plasmocytom) und weniger gebrĂ€uchlich Plasmazellmyelom, Morbus Kahler, Kahler-Krankheit bzw. Kahlersche Krankheitcite-ref-1[1]cite-ref-2[2] (nach Otto Kahler) sowie Huppert-Krankheit (nach Karl Hugo Huppert), ist eine von den Plasmazellen des Knochenmarks ausgehende Krebserkrankung, ein Non-Hodgkin-Lymphom des blutbildenden Systems. Das Multiple Myelom wird ĂŒbergeordnet zu den monoklonalen Gammopathien gezĂ€hlt. Es ist gekennzeichnet durch eine krankhafte (unkontrollierte) Vermehrung Antikörper-produzierender Zellen, der Plasmazellen (ausdifferenzierte B-Zellen). Die entarteten Plasmazellen produzieren in der Regel Antikörper oder Teile/BruchstĂŒcke davon (z. B. freie Leichtketten). Da ein maligner Plasmazellklon von einer gemeinsamen VorlĂ€uferzelle abstammt, sind sie genetisch weitgehend identisch und produzieren ebenso identische (= monoklonale) Antikörper. Nah verwandt, aber abzugrenzen vom Multiplen Myelom sind die Plasmazell-LeukĂ€mie, das extramedullĂ€re Plasmozytom und das solitĂ€re Plasmozytom.cite-ref-3[3]

Dem Multiplen Myelom geht immer eine monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) voraus.cite-ref-landgren-4-0[4]cite-ref-tsai-5-0[5] Eine MGUS muss nicht zwangslĂ€ufig zu einer malignen Erkrankung fĂŒhren. HĂ€ufig gehen aber verschiedene KomorbiditĂ€ten/Komplikationen auch ohne die Entwicklung einer hĂ€matologischen Erkrankung damit einher.cite-ref-van-de-donk-6-0[6] Als Übergangsstufe zwischen MGUS und MM gilt das schwelende Multiple Myelom (smouldering myeloma; SMM).cite-ref-rajkumar-risiko-7-0[7] Der Grad der MalignitĂ€t eines MM kann sehr unterschiedlich sein und reicht von einem nur langsam fortschreitenden MM bis hin zu einer aggressiven, schnell fortschreitenden Verlaufsform, die hĂ€ufig durch entdifferenzierte, plasmoblastische Plasmazellen gekennzeichnet ist.

Contents

‱ Etymologie
‱ Entwicklung
‱ Symptome
‱ Diagnose
‱ Prognose
‱ Therapie
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Zur Terminologie und Medizingeschichte

Einordnung ins System hÀmato-onkologischer Erkrankungen

Das Multiple Myelom zÀhlt zu den indolenten (niedrig-malignen) B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphomen.cite-ref-8[8] Vom echten Multiplen Myelom ist der Begriff Plasmozytom abzugrenzen, der nur ein isoliertes Myelom bezeichnet, bei dem die Erkrankung auf einen einzigen lokalen Krankheitsherd (in der Regel eine Osteolyse = lokale Knochenauflösung) begrenzt ist:

„Im angloamerikanischen Sprachraum wird die als ‘multiple myeloma’ bezeichnete Erkrankung streng von dem ‘plasmocytoma’ getrennt. Diese Trennung sollte auch in der deutschen Terminologie erfolgen, denn ein ‘Plasmozytom’ ist laut Definition ein ‘solitĂ€rer Tumor aus Plasmazellen’ ... Finden sich mehrere Plasmazelltumoren, so beschreibt der Terminus ‘Multiples Myelom’ diese Form der Plasmazellenerkrankung am besten.“

–

Hartmut Goldschmidt

So unterscheidet denn auch die ICD-10 Klassifikation der WHO strikt zwischen C90.0 Multiples Myelom und C90.30 SolitÀres Plasmozytom.cite-ref-10[10]

In Deutschland ist allerdings im allgemeinen klinischen Sprachgebrauch eine weitgehend synonyme Verwendung der beiden Begriffe verbreitet, weshalb mit Plasmozytom hÀufig ein Multiples Myelom gemeint ist.

Abzugrenzen vom Multiplen Myelom/Plasmozytom sind die Vorstufen Schwelendes Multiples Myelom (SMM) sowie die monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS), bei denen ebenfalls eine klonale Immunglobulinproduktion vorliegt. Symptome und Komplikationen können aber auch schon bei den Vorstufen auftreten, was jedoch aufgrund fehlender Kriterien nicht zwangslĂ€ufig zur Diagnose Multiples Myelom fĂŒhrt. Um eine differenziertere Beurteilung der Patienten zu ermöglichen, wurde fĂŒr nephrologische Komplikationen, welche auf eine klonale Immunglobulinproduktion krankhaft verĂ€nderter Plasmazellen zurĂŒckzufĂŒhren sind, der Terminus Monoklonale Gammopathie renaler Signifikanz (MGRS) eingefĂŒhrt.cite-ref-leung-11-0[11] Weitere Monoklonale Gammopathien, die nicht als Multiples Myelom bezeichnet werden, sind die AL-Amyloidose (diese kann aber auch zusĂ€tzlich zu einem Multiplen Myelom auftreten) und der Morbus Waldenström. Seit einiger Zeit wird aufgrund der KomplexitĂ€t der Erkrankung(en) und der teilweise schwer abzugrenzenden Vorstufen sowie nahverwandten EntitĂ€ten eine Reform der Terminologie diskutiert. Hierbei soll zwischen einer Monoklonalen Gammopathie, bei der eine Behandlung notwendig ist, und einer solchen, die ohne Komplikationen nur unter Beobachtung steht, unterschieden werden.cite-ref-landgren-2017-12-0[12]

Etymologie

Der medizinische Fachbegriff ‘Myel-om’, ĂŒbersetzt ‘Knochenmark-Geschwulst’, ist ein Neologismus, eine Wortbildung, geschaffen durch Derivation aus dem Substantiv altgriechisch ΌυΔλός „myelĂłs“, ‘Knochen-Mark’ und dem Suffix ‘-om’, von altgriechisch ωΌ(α) „ƍm(a)“.

Dabei ist allerdings das dem Griechischen entlehnte Suffix „-om“ kein Lexem, sondern ein Wortbildungs-Morphem ohne begriffliche Bedeutung. Ein Lexem, also ein Nomen, ein Substantiv „ωΌ(α)“, „ƍm(a)“ hat es im Altgriechischen niemals gegeben.

In der modernen medizinischen Terminologie dagegen nimmt dieses Suffix „-om“ den Rang eines Lexems, eines Appellativums ein, dem international die Bedeutung Geschwulst zugewiesen worden ist.cite-ref-13[13]

„Zu der Zeit nun, da die moderne Medizin als Korrelat fĂŒr die immer mehr nach Lage, histologischer Struktur usw. spezifizierten Geschwulste ein differenzierteres terminologisches Reservoir benötigte und in bewĂ€hrter Weise griechisches und/oder lateinisches Material fur Neologismen adaptierte, lag es nahe, den gemeinsamen Nenner in der Sache (= Geschwulst) auch formal als konstantes Element der Wortbildung sichtbar zu machen. So wĂ€hlte man die Gruppe der Bildungen auf „ωΌ(α)“, „ƍm(a)“ des Altgriechischen („ÎșαρÎșÎŻÎœ-ωΌα“, Karkinƍma, â€žÏƒÎŹÏÎșωΌα“, Sarkoma u. a. m.) als Muster und bildete danach die rein griechischen Termini Karzinom, Sarkom u. a. m.“

–

Oswald Panagl

So wurde das Wortbildungs-Morphem „-om“ von den medizinischen Terminologen sekundĂ€r mit lexikalischer Bedeutung aufgefĂŒllt und das Stadium erreicht, in dem ein ursprĂŒngliches Morphem den Rang eines Lexems, eines Appellativums, einnimmt.

Die wörtliche Übersetzung des medizinterminologischen Kunstwortes „Myel-om“, Englisch “myeloma”, ins Deutsche lautet also „Knochenmark-Geschwulst“, Knochenmarkkrebs.

Wortgeschichte

“The term ‘multiple myeloma’ was introduced by von Rustitzky in 1873 when he found eight separate tumors of bone marrow and designated them ‘multiple myelomas’. In Russia, the term Rustitzky’s disease is often used.”

„Der Terminus ‘Multiples Myelom’ wurde von Rustitzky im Jahre 1873 eingefĂŒhrt, als er acht getrennt liegende Knochenmarktumore vorfand. Er bezeichnete sie als ‘Multiple Myelome’. In Russland ist die Bezeichnung Rustitzkys Krankheit weit verbreitet.“

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Robert A. Kyle, David P. Steensma

Um das Gebundensein von Tumoren an das Knochenmark zu charakterisieren, fĂŒhrte der Chirurg J. von Rustitzky im Jahre 1873, nach Autopsie des 47 Jahre alten Knechtes Joh. Kessler, die Bezeichnung Myelom in die medizinische Terminologie ein.cite-ref-16[16]

„Die mikroskopische wie makroskopische Beschaffenheit obiger Tumoren berechtigt uns, sie als eine besondere Klasse einzustellen und ihnen, um die IdentitĂ€t ihrer Struktur mit dem Knochenmark zu bezeichnen, den Namen ‚Myelome‘ zu geben.“

–

J. v. Rustitzky

Rustitzky interpretierte damals, um das Jahr 1873, diese Erkrankung, „deren ursĂ€chliches Moment uns unbekannt bleibt“,cite-ref-18[18] als eine gutartige, lokale Hypertrophierung des Knochenmarks:

„Dieses Gebundensein der Tumoren an das Knochenmark berechtigt ferner zur Behauptung, dass die vorliegenden Tumoren, obwohl multipel, nicht im strengen Sinne bösartig waren 
 Vielmehr scheint es geratener, diese Tumoren den sonstigen gutartigen, aber multipel auftretenden Tumoren (Adenome, Lipome, Fibrome, Exostosen etc.) anzureihen und eine lokale Erkrankung des Knochenmarks, als Auslegung der Tumorbildung, zu betrachten, und diese Erkrankung, deren ursĂ€chliches Moment uns nicht bekannt ist, als Hypertrophierung des Knochenmarkgewebes zu bezeichnen.“

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J. v. Rustitzky

In den Folgejahren zeigen Titel von FachaufsĂ€tzen,cite-ref-20[20] wie der von Rustitzky vorgeschlagene Ausdruck Multiples Myelom zum akzeptierten terminologischen Allgemeingut wurde, und wie die langsam fortschreitende medizinische Forschung nach und nach mehr Licht in das Dunkel „des uns unbekannten ursĂ€chlichen Momentes dieser Erkrankung“ brachte.

Hippokrates hat diesen langsamen wissenschaftsgeschichtlichen Prozess im 5. Jahrhundert v. Chr. durch einen Aphorismus auf den Punkt gebracht: Ars longa, vita brevis, frei ĂŒbersetzt: die Heilkunst schreitet langsam voran, und das Leben ist kurz.

Medizingeschichte

Das Multiple Myelom ist keine Erscheinung der Neuzeit, bereits seit vielen Jahrhunderten werden Menschen von dieser Erkrankung heimgesucht:

„Die Arbeitsgruppe von A. Zink aus dem Pathologischen Institut der LMU MĂŒnchen untersuchte im Rahmen der PalĂ€opathologie 415 Ă€gyptische Mumien (1500–500 v. Chr.).cite-ref-22[22] Bei vier von diesen zeigten sich maligne SkelettverĂ€nderungen, bei zwei Mumien multiple, myelomverdĂ€chtige Osteolysen an WirbelsĂ€ule, Becken und SchĂ€del.“

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Manual Multiples Myelom. Empfehlungen zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge

Auch Knochenfunde aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. weisen die typischen zerstörerischen Merkmale der Erkrankung auf.cite-ref-24[24]

Historischer Fallbericht: Thomas McBean (1850):

Der erste gut dokumentierte Fall eines Multiplen Myeloms geht auf einen Fallbericht von Macintyre zurĂŒck.cite-ref-macintyre-25-0[25]cite-ref-kyle-26-0[26] Er beschrieb die Krankheitsgeschichte des englischen GemischtwarenhĂ€ndlers Thomas A. McBean, welcher sich 1845 im Alter von 45 Jahren in seiner Arztpraxis vorgestellt hatte. McBean beklagte, dass etwas mit seinem Urin nicht stimmte – er verspĂŒrte hĂ€ufig Harndrang, und sein „Leibkleid wurde durch den Urin ganz steif“, obwohl er keinen Ausfluss aus der Harnröhre bemerkt hatte. Außerdem litt der Patient an ungewöhnlicher SchwĂ€che und Ausgezehrtheit, wĂ€hrend eines Spaziergangs habe er dann das GefĂŒhl gehabt, „etwas im Brustkorb knackte oder gab nach“, und McBean stĂŒrzte und konnte sich „wegen starker Schmerzen fĂŒr einige Minuten nicht mehr erheben“. Doktor Macintyre behandelte den Patienten mit einer Bandage des Brustkorbes („strengthening plasters“) und verordnete körperliche Schonung.cite-ref-macintyre-25-1[25] Einen Monat spĂ€ter hatte der Patient erneut starke Schmerzen, woraufhin man wiederholte AderlĂ€sse, Blutegeltherapien und Schröpfkegel einsetzte, was jedoch keine dauerhafte Linderung brachte, so dass sich McBean bei einem anderen Arzt, Dr. Watson, vorstellte. Dieser begann eine Behandlung mit Eisen und Chinin, was zu einer erstaunlichen Besserung fĂŒhrte, die ein halbes Jahr anhielt. Im Oktober 1845 erlitt der Patient jedoch starke Schmerzen an der WirbelsĂ€ule und dem Ischias, welche sich auch durch den Einsatz von warmen BĂ€dern, Campherpuder und -salbe nicht besserten. Dr. Macintyre diagnostizierte außerdem Ödeme am Körper von McBean und untersuchte daher den Urin des Patienten. Dieser war dunkel und flockte bei Erhitzung aus („abound in animal matter“). Fast gleichzeitig schickte Watson mit der Frage „What is it?“ eine Urinprobe an den Arzt und Chemiker Bence Jones, welcher Proteine im Urin von McBean – und anderer Patienten mit Ă€hnlichen Beschwerden – feststellte und diese charakterisierte.cite-ref-27[27] Der Zustand von McBean verschlechterte sich im Verlaufe des Jahres 1845 rapide, er hatte starke Schmerzen und konnte das Bett nicht mehr verlassen. Am 1. Januar 1846 verstarb McBean schließlich, in seiner Todesurkunde wurde „Atrophie durch Albuminurie“ als Todesursache festgehalten.cite-ref-kyle-26-1[26]

Die Obduktion, bei der die Doktoren Macintyre, Watson und Jones anwesend waren, zeigte Knochen, die „leicht mit dem Messer zu schneiden waren und einfach brachen“. Die Rippen zerbröckelten förmlich und enthielten eine blutrote, gelatineartige und ölige Masse. Auch die gesamte WirbelsĂ€ule war von Ă€hnlicher Beschaffenheit. Becken-, Oberarm- und Oberschenkelknochen „widerstanden jedoch jedem Versuch, sie mit der Hand zu brechen“. Herz, Lunge und Leber wurden als weitgehend unauffĂ€llig beschrieben.cite-ref-macintyre-25-2[25] John Dalrymple, Chirurg und Mitglied der mikroskopischen Fachgesellschaft, untersuchte zwei Lendenwirbel und eine Rippe von McBean. Er stellte Löcher im Knochen des Patienten fest, welche mit einer roten, gelartigen Masse gefĂŒllt waren. Diese untersuchte er unter dem Mikroskop und fand große, gleichförmig aussehende runde bis ovale Zellen, teilweise mit mehreren Nuclei. Die nach Zeichnungen von Dalrymple angefertigten Holzschnitte zeigen die noch heute gĂŒltigen Kriterien fĂŒr Myelomzellen.cite-ref-kyle-26-2[26]

Epidemiologie

Die Inzidenz des Multiplen Myeloms liegt bei etwa vier bis sechs Neuerkrankungen/100.000 Personen pro Jahr. Dies entspricht zehn Prozent aller hĂ€matologischen Krebserkrankungen bzw. ein Prozent aller Krebserkrankungen insgesamt.cite-ref-29[29]cite-ref-pmid19535803-30-0[30] Sie ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters, wobei das mediane Alter zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bei 66 Jahren liegt. Nur zwei Prozent der Patienten sind jĂŒnger als 40 Jahre. Bei Kindern tritt es sehr selten auf.cite-ref-pmid3928137-31-0[31] MĂ€nner sind etwas hĂ€ufiger als Frauen betroffen und bei Afroamerikanern kommt die Erkrankung im Vergleich zur weißen US-amerikanischen Bevölkerung etwa doppelt so hĂ€ufig vor. Die FĂŒnfjahresprĂ€valenz betrĂ€gt nach aktuellen Daten weltweit fĂŒr alle Altersgruppen ĂŒber 350.000 Personen.cite-ref-32[32]

Entsprechend dem gebildeten Antikörper werden folgende Typen unterschieden:cite-ref-mead-33-0[33]cite-ref-kyle-1027-34-0[34]cite-ref-drayson-35-0[35]

| Monoklonales Tumorprodukt | HĂ€ufigkeit | HĂ€ufigkeit | HĂ€ufigkeit | IgG | IgA | IgM | IgD | IgE | Kappa | Lambda |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Ausschließlich intaktes Immunglobulin | 5–10 % | 5–10 % | 5–10 % | ca. 55 %* | ca. 20 %* | ca. 0,5 %* | ca. 2 %* | extrem selten | | |
| Freie Leichtkette mit oder ohne intaktem Immunglobulin | 90–95 % | Freie Leichtkette mit intaktem Immunglobulin | 70–75 % | ca. 55 %* | ca. 20 %* | ca. 0,5 %* | ca. 2 %* | extrem selten | 57 %* | 34 %* |
| Freie Leichtkette mit oder ohne intaktem Immunglobulin | 90–95 % | Ausschließlich freie Leichtkette | 15–20 % | | | | | | 57 %* | 34 %* |
| Nicht-sekretorisch | 1–2 % | 1–2 % | 1–2 % | | | | | | | |
| *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten | *bezogen auf die Gesamtheit der Myelom-Patienten |

Hervorzuheben ist, dass bei einem Myelom, bei dem ein intaktes Immunglobulin gebildet wird, z. B. bei einem IgG-Myelom, in ca. 90–95 % der FĂ€lle auch eine freie Leichtkette in erhöhter Menge vorliegt (z. B. eine freie Leichtkette vom Typ Îș bei einem IgGÎș-Myelom). Bei nur 5–10 % der FĂ€lle findet sich ausschließlich ein intaktes Immunglobulin und in wenigen FĂ€llen scheiden die Plasmazellen kein monoklonales Immunglobulin bzw. keine freie Leichtketten aus.cite-ref-mead-33-1[33] In diesen FĂ€llen spricht man von einem sogenannten nicht-sekretorischen Multiplen Myelom. Monoklonale Immunglobuline werden zum Teil produziert, verbleiben aber daraufhin innerhalb der Plasmazelle und können nur durch immunhistochemische Methoden (intrazellulĂ€re AnfĂ€rbung) nachgewiesen werden. Selten finden sich zudem FĂ€lle, bei denen die Plasmazellen weder intakte Immunglobuline noch freie Leichtketten produzieren (sog. echtes nicht-sekretorisches Multiples Myelom).cite-ref-dupuis-36-0[36]

Pathogenese

Risikofaktoren

Die pathogenetischen Ursachen des Multiplen Myeloms sind Gegenstand aktueller Forschung. Diskutiert werden EinflĂŒsse unterschiedlicher Umweltfaktoren. So werden mit der Entstehung der Erkrankung ionisierende Strahlung, Herbizide (z. B. Glyphosat), Übergewicht, Autoimmunerkrankungen und gehĂ€ufte entzĂŒndliche Prozesse sowie Infektionen in Verbindung gebracht. Zum Teil wurden verschiedene genetische Translokationen beschrieben, deren Einfluss aber noch nicht gĂ€nzlich geklĂ€rt ist.cite-ref-van-de-donk-6-1[6] Auch ein Zusammenhang mit der konventionellen Gasförderung oder beim Fracking entstehenden Emissionen wird vermutet.cite-ref-37[37]

Entwicklung

Der Übergang von einer Monoklonalen Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) zum symptomatischen Myelom verlĂ€uft in mehreren Schritten und kann wenige Monate bis mehrere Jahrzehnte dauern.cite-ref-singhal-38-0[38] Die maligne Entartung der Myelom-Zellen findet meist außerhalb des Knochenmarks in Keimzentren peripherer lymphatischer Organe statt. Die B-Zellen, die in diese Keimzentren eintreten, haben schon die ersten Differenzierungschritte (V(D)J-Rekombination) hinter sich. In diesem Stadium treten die genetischen VerĂ€nderungen auf, die letztlich zur Entwicklung des Multiplen Myeloms fĂŒhren.

Bei den meisten Patienten beobachtet man Translokationen, die bewirken, dass ein Onkogen unter die Kontrolle eines regulatorischen Gens gelangt und dadurch die Expression stark aktiviert wird. Beim Multiplen Myelom ist dies am hĂ€ufigsten (ca. 80 %) das Immunglobulin-Enhancer-Gen auf Chromosom 14 Genlocus q31. HĂ€ufige Partner dieser Translokation sind Teile der Chromosomen 4 (4p16.3; Fibroblast Growth Factor Receptor), 6 (6p21; Cyclin D3), 11 (Bcl-1, Cycin D1), 16 (16q23; C-maf) und 20 (20p11; maf8). Selten findet man 8q24 (c-myc) und noch seltener 18q21 (bcl-2), 11q23 (MLL-1) sowie 20q11 (maf B).cite-ref-van-de-donk-6-2[6] Im weiteren Verlauf der Erkrankung treten noch andere genetische VerĂ€nderungen auf. Die verschiedenen genetischen VerĂ€nderungen gehen mit unterschiedlichen KrankheitsverlĂ€ufen einher und definieren unter UmstĂ€nden eigene EntitĂ€ten. Durch den Nachweis bestimmter genetischer VerĂ€nderungen in Myelom-Zellen eines Patienten können in manchen FĂ€llen Aussagen zur Prognose gemacht werden. So weiß man beispielsweise, dass eine Deletion (del13q) oder eine Monosomie von Chromosom 13 im Mittel mit einer kĂŒrzeren Überlebenszeit verbunden sind.cite-ref-rajan-39-0[39] Nach der klonalen Vermehrung einer entarteten Plasmazelle kommt es zur Infiltration des Knochenmarks u. U. auch mit begleitender Zerstörung des Knochens und VerdrĂ€ngung der normalen HĂ€matopoese (Blutbildung). Hierbei scheiden die malignen Zellen Wachstumsfaktoren und Zytokine aus, welche die Osteoklasten aktivieren (u. a. OAF), was letztlich zu einem Knochenabbau fĂŒhrt.cite-ref-kumar-2017-40-0[40] Die von den malignen Zellen gebildeten Antikörper oder Antikörperteile (freie Leichtketten oder BruchstĂŒcke der schweren Kette), welche sich im Körper anreichern, sind fĂŒr einige Symptome und Komplikationen der Erkrankung verantwortlich.

Symptome

Bei einigen Patienten wird die Erkrankung zufÀllig im Rahmen einer Blutuntersuchung anhand einer auffÀlligen Serumproteinelektrophorese diagnostiziert. Bei den meisten Patienten treten jedoch Symptome und Komplikationen auf:cite-ref-dgho-leitlinien-41-0[41]

‱ Unspezifische Symptome wie SchwĂ€che, MĂŒdigkeit und Gewichtsverlust
‱ Insgesamt entwickeln etwa 60 % der Patienten KnochenverĂ€nderungen:

‱ Starker Knochenabbau/-schĂ€den durch Osteolyse (die SchĂ€den wirken im Gegensatz zu Knochenmetastasen wie ausgestanzt – typisch: SchrotschussschĂ€del)
‱ Durch die Osteolyse bedingte sekundĂ€re Osteoporose (nicht zu verwechseln mit der primĂ€ren Form)
‱ Durch die Osteolyse bedingte Knochenschmerzen und KnochenbrĂŒche
‱ Verminderung der Knochenmarksfunktion (Knochenmarkinsuffizienz) mit Blutarmut (AnĂ€mie) und Neigung zu Blutungen sowie Verminderung der weißen Blutkörperchen (Leukopenie) und/oder der BlutplĂ€ttchen (Thrombozytopenie) mit Neigung zur Thromboembolie

‱ InfektanfĂ€lligkeit durch Mangel polyklonaler Antikörper und Mangel an weißen Blutkörperchen (Leukopenie)
‱ Erhöhte ViskositĂ€t des Serums durch monoklonale Immunglobuline kann zu Kopfschmerzen, Benommenheit, Schwindel, Nystagmus, Hör- und Sehstörungen, SchlĂ€frigkeit, Koma und KrampfanfĂ€llen fĂŒhren (HyperviskositĂ€tssyndrom)
‱ Unter UmstĂ€nden Ablagerungen monoklonaler Immunglobuline oder freier Leichtketten im peripheren Nervensystem (Polyneuropathie)
‱ Chronisches oder akutes Nierenversagen.cite-ref-42[42] Ist die Störung der Nierenfunktion auf eine monoklonale freie Leichtkette oder ein monoklonales intaktes Immunglobulin zurĂŒckzufĂŒhren, kann von einer Monoklonalen Gammopathie renaler Signifikanz gesprochen werden.cite-ref-leung-11-1[11] Beispiele sind (Auswahl):

‱ Cast-Nephropathie: In den NierenkanĂ€lchen kann es in Gegenwart von Uromodulin zu AusfĂ€llungen der freien Leichtketten in Form von Proteinzylindern kommen. Diese AusfĂ€llungen wirken direkt toxisch auf die Zellen der NierenkanĂ€lchen und können zu einem raschen Verlust der Nierenfunktion (akutes Nierenversagen) fĂŒhren (klassische Myelomniere; auch als Cast-Nephropathie bekannt).
‱ Leichtketten-Ablagerungs-Krankheit: Ablagerung von Leichtketten in den Basalmembranen von Nierenkörperchen und NierenkanĂ€lchen kann zur Leichtketten-Ablagerungs-Krankheit (light-chain deposition disease) fĂŒhren. Diese Ă€ußert sich in einer stark vermehrten Ausscheidung von Proteinen im Urin (nephrotisches Syndrom) und fĂŒhrt zu chronischem Nierenversagen.
‱ Fanconi-Syndrom: Die Leichtketten können zu Funktionsstörungen der Zellen im HauptstĂŒck der NierenkanĂ€lchen fĂŒhren. Diese Funktionsstörungen Ă€ußern sich in einer verminderten Ausscheidung von SĂ€uren (Azidose) sowie einem vermehrten Verlust von Phosphat, Glukose, HarnsĂ€ure und AminosĂ€uren.
‱ AL-Amyloidose: Durch Fehlfaltung freier Leichtketten kommt es zur Bildung von Fibrillen, die sich in Form von Amyloiden in Nierengewebe und NierengefĂ€ĂŸen ablagern. Folge sind wie bei der Leichtketten-Ablagerungs-Krankheit erhöhte Proteinurie und ein chronisches Nierenversagen.

Die typische aber zugleich auch unspezifische Symptomatik erschwert eine eindeutige Diagnose. Viele der hier beschriebenen Symptome können auch in einem frĂŒheren Krankheitszustand auftreten und mĂŒssen sich nicht zwangslĂ€ufig erst bei einem per Definition Multiplen Myelom ausbilden. Eine umfassende Anamnese des Patienten ermöglicht eine sichere Diagnose der zugrundeliegenden Erkrankung. Unter Patienten mit bekannten Vorerkrankungen, wie Osteoporose oder Polyneuropathie, kann mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit eine Monoklonale Gammopathie wie das Multiple Myelom vorliegen.cite-ref-van-de-donk-6-3[6]cite-ref-golombick-43-0[43]cite-ref-steiner-44-0[44] Im nĂ€chsten Abschnitt sind die aktuell gĂŒltigen Empfehlungen zur Diagnose und die diagnostischen Kriterien zusammengefasst.

Diagnose

Diagnostische Kriterien

Als Grundvoraussetzung gilt eine mindestens 10%ige Infiltration des Knochenmarks durch klonale Plasmazellen oder ein durch Biopsie bestĂ€tigtes extramedullĂ€res Plasmozytom. Wird zusĂ€tzlich eines oder mehrere der folgenden Kriterien erfĂŒllt, kann die Diagnose Multiples Myelom gestellt werden:cite-ref-rajkumar-45-0[45]

‱ CRAB-Kriterien: Calcium, Renale Insuffizienz, AnĂ€mie, Bone = Knochen

‱ HyperkalzĂ€mie im Serum nachweisbar mit einem Wert von > 2,75 mmol/l oder > 0,25 mmol/l oberhalb des oberen Normwertes.
‱ Niereninsuffizienz, definiert als Serumkreatinin > 2 mg/dl oder einer Kreatinin-Clearance < 40 ml/min.
‱ AnĂ€mie, definiert als HĂ€moglobinwert von < 10 g/dl oder mehr als 2,0 g/dl unter dem Normwert.
‱ KnochenlĂ€sionen mit mindestens einer osteolytischen LĂ€sion, nachweisbar durch Röntgen, CT oder PET-CT.

‱ SLiM-Kriterien: Sixty Percent = 60 Prozent, Light chain ratio, MRT-LĂ€sion

‱ mindestens 60%ige Infiltration von Plasmazellen im Knochenmark.
‱ eine Freie-Leichtketten-Ratio der tumorassoziierten freien Leichtkette (involvierte freie Leichtkette) zur nicht-tumorassoziierten freien Leichtkette (nicht involvierte freie Leichtkette) von ≄ 100 (wobei die tumorassoziierte freie Leichtkette mit einer Konzentration von mindestens 100 mg/l vorliegen muss).
‱ mehr als eine fokale KnochenlĂ€sion mit einer GrĂ¶ĂŸe von mindestens 5 mm nachgewiesen durch eine Ganzkörperaufnahme im MRT.

Differentialdiagnose

Um die Diagnose anhand der oben genannten Kriterien stellen zu können, mĂŒssen verschiedene Untersuchungen durchgefĂŒhrt werden. In den hĂ€matologischen Leitlinien finden hierbei folgende Methoden ErwĂ€hnung:cite-ref-dgho-leitlinien-41-1[41]cite-ref-rajkumar-45-1[45]

| 1. Labordiagnostik | 2. Bildgebung | 3. Untersuchung des Knochenmarks |
|---|---|---|
| Als Standardmethoden gelten: Serumproteinelektrophorese (SPE) zur Bestimmung des monoklonalen Immunglobulins (M-Protein oder auch M-Gradient genannt) Immunfixationselektrophorese (IFE) im Serum sowie Urin Quantitative Bestimmung der Freien Leichtketten Kappa- und Lambda im Serum inklusive der Berechnung des Quotienten (Ratio) Außerdem: Bestimmung der Leukozyten Differentialblutbild Elektrolyt-Werte ( Calcium , Natrium und Kalium ) Kreatinin inklusive der berechneten GFR ( eGFR ) und Harnstoff zur Bestimmung der Nierenfunktion Gesamtproteinbestimmung im Serum Albumin im Serum Quantitative Bestimmung der Immunglobuline IgG, IgA und IgM im Serum Quantifizierung der Eiweißausscheidung anhand einer 24 h-Sammelurin-Probe Bestimmung von LDH und GPT Bestimmung von ÎČ2-Mikroglobulin im Serum | Zur Diagnostik von Osteolysen, Osteopenie und zur StabilitĂ€tsbeurteilung: Niedrig-Dosis- Computertomographie ohne Kontrastmittel. Zur Diagnostik diffuser Knochenmarkinfiltration, fokaler Knochenherde und extramedullĂ€rer Manifestationen: Magnetresonanztomographie . Zur Darstellung extramedullĂ€rer MM-Manifestationen und fĂŒr Information ĂŒber das therapeutische Ansprechen (keine Standardmethode): Fluordesoxyglukose - Positronen-Emissions-Tomographie . | Aspirat Zytologische Beurteilung Zytogenetische Untersuchung mittels Fluoreszenz in-situ Hybridisierung ( FISH ), mindestens del(17p), t(4;14), t(14;16); fakultativ (14;20) und ampl 1q21 Biopsie Histologische Beurteilung |

Wird durch die oben genannten Untersuchungen ein positiver Befund erzielt bzw. CRAB-/SLiM-Kriterien erfĂŒllt, sind folgende zusĂ€tzlichen Untersuchungen vor Einleitung einer Therapie in Betracht zu ziehen:

‱ Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) gezielter Regionen (ggf. mit Kontrastmittel), insbesondere bei

‱ neurologischer Symptomatik mit Verdacht auf Myelonkompression
‱ Verdacht auf extramedullĂ€re Manifestationen

‱ Echokardiographie bei (v. a. kardiale Amyloidose)

Differentialdiagnostisch abzugrenzen sind neben reaktiven KnochenmarksverÀnderungen auch die Vorstufen SMM und MGUS siehe hierzu die allgemeinen Diagnosekriterien Monoklonaler Gammopathien.

Prognose

Viele verschiedene Faktoren spielen eine Rolle bei der Entwicklung der Krankheit und in deren Verlauf. So z. B. das Alter bei Krankheitsbeginn, die körperliche Allgemeinverfassung, das Ausmaß der begleitenden Erkrankungen, das Auftreten von Komplikationen oder unvorhergesehenen Ereignissen und/oder das Ansprechen auf die Behandlungsmaßnahmen. Die Überlebensraten haben sich innerhalb der letzten zehn Jahre laut Hartmut Goldschmidt durch die neuen Therapiemöglichkeiten (s. u.) signifikant verbessert.cite-ref-46[46] Sie können das GesamtĂŒberleben und die beschwerdefreie Zeit verlĂ€ngern. Nicht zuletzt erhöhen sie die LebensqualitĂ€t von Betroffenen und Angehörigen.cite-ref-kumar-2008-47-0[47] Zusammengefasst kann nach aktuellem Stand von einer absoluten FĂŒnfjahresĂŒberlebensrate von 41 % fĂŒr MĂ€nner bzw. 40 % fĂŒr Frauen gesprochen werden. Unter BerĂŒcksichtigung der Sterblichkeit in der Allgemeinbevölkerung liegt die relative FĂŒnfjahresĂŒberlebensrate aktuell bei 48 % fĂŒr MĂ€nner bzw. 45 % fĂŒr Frauen. FĂŒr MĂ€nner bzw. Frauen liegt die jeweilige relative ZehnjahresĂŒberlebensrate bei 31 % bzw. 30 %.cite-ref-dgho-leitlinien-41-2[41] Durch eine Einteilung in Stadien sowie eine Risikostratifizierung können Patienten differenzierter beurteilt und eine genauere Prognose gestellt werden.

Stadieneinteilung

Die nach wie vor gÀngige Einteilung nach Brian Durie und Sydney Salmon unterscheidet drei Stadien:cite-ref-durie-salmon-48-0[48]

| Stadium | Merkmale |
|---|---|
| Stadium I | HĂ€moglobin > 10 g/dl Kalzium im Serum normal maximal eine Osteolyse IgG < 50 g/l bzw. IgA < 30 g/l Leichtkettenausscheidung im Urin < 4 g/24h |
| Stadium II | zwischen Stadium I und III |
| Stadium III | mindestens eines der folgenden Kriterien: HĂ€moglobin < 8,5 g/dl Kalzium > 3,0 mmol/l mehr als 2 Osteolysen IgG > 70 g/l IgA > 50 g/l Leichtkettenausscheidung im Urin > 12 g/24h |
| Zusatz A B | falls Kreatinin < 2 mg/dl (177 ”mol/l) falls Kreatinin ≄ 2 mg/dl (177 ”mol/l) |

Neuer ist die Einteilung nach dem International Staging System (ISS)cite-ref-49[49], bei der nur ÎČ2-Mikroglobulin und Albumin berĂŒcksichtigt werden.

| Stadium | Merkmale |
|---|---|
| ISS I | ÎČ 2 -Mikroglobulin < 3,5 mg/l und Albumin ≄ 35 g/l |
| ISS II | ÎČ 2 -Mikroglobulin < 3,5 mg/l und Albumin < 35 g/l oder ÎČ 2 -Mikroglobulin 3,5–5,5 mg/l |
| ISS III | ÎČ 2 -Mikroglobulin > 5,5 mg/l |

Im Jahr 2015 erfolgte eine Revision der Kriterien, wobei nun auch prognostisch relevante zytogenetische Marker sowie die LDH als Laborparameter in die Stadienzuteilung einfließen.cite-ref-palumbo-50-0[50]

| Stadium | Merkmale |
|---|---|
| R-ISS I | ÎČ 2 -Mikroglobulin < 3,5 mg/l und Albumin ≄3,5 g/dl und Zytogenetik Standardrisiko und LDH ≀ oberer Normwert |
| R-ISS II | weder Stadium I noch Stadium III |
| R-ISS III | ÎČ 2 -Mikroglobulin > 5,5 mg/l und Zytogenetik Hochrisiko oder LDH > oberer Normwert |

Risikostratifizierung

Sollte bereits vor Ausbildung der Erkrankung die Vorstufe MGUS diagnostiziert worden sein, können folgende Faktoren zur Beurteilung eines Risikos zur Ausbildung eines symptomatischen Multiplen Myeloms herangezogen werden:cite-ref-kyle-risk-51-0[51]

‱ abnormale Ratio der freien Leichtketten
‱ M-Protein im Serum > 15 g/l
‱ M-Protein vom Typ IgA, IgM, IgD oder IgE

Unter BerĂŒcksichtigung der durchschnittlichen Lebenserwartung kann von einem 2%igen Risiko bei Abwesenheit aller Faktoren, bei Nachweis von einem Faktor von einem 10%igem Risiko, einem 18%igen Risiko bei Nachweis von zwei Faktoren und einem 27%igem Risiko bei Nachweis von allen drei Faktoren zur Weiterentwicklung der MGUS zum Multiplen Myelom innerhalb von 20 Jahren ausgegangen werden.cite-ref-van-de-donk-6-4[6]cite-ref-kyle-risk-51-1[51] Werden anschließend regelmĂ€ĂŸige Untersuchungen der betroffenen Patienten durchgefĂŒhrt (je nach Risikoeinstufung alle sechs Monate, jĂ€hrlich oder alle zwei bis drei Jahre) kann das Risiko von Komplikationen durch das Fortschreiten der Erkrankung bzw. Vorstufe vermindert werden.cite-ref-go-52-0[52]

Auf Ă€hnliche Art und Weise können auch Patienten mit einem bereits nachgewiesenen schwelenden Multiplen Myelom anhand folgender Faktoren fĂŒr ein ca. 50%iges Risiko einer Progression innerhalb von zwei Jahren eingestuft werden. Grundvoraussetzung sind mindestens 10 % klonale Plasmazellen im Knochenmark und ein oder mehrere der folgenden Kriterien:

‱ Anstieg des M-Proteins im Serum in zwei aufeinanderfolgenden Messungen um mindestens 25 %
‱ M-Protein im Serum von mindestens 30 g/l
‱ Ratio der tumorassozierten zur nicht tumorassoziierten freien Leichtkette mindestens 8
‱ SMM vom Typ IgA
‱ Supression zweier nicht tumorassoziierter Immunglobulin-Isotypen
‱ Erhöhte Zahl zirkulierender Plasmazellen
‱ Zytogenetische AbnormalitĂ€ten der Chromosomen 4, 14 und 17
‱ Nachweis durch PET-CT oder MRT von fokalen LĂ€sionen (mindestens eine) ohne osteolytische KnochenschĂ€den
‱ 50–60 % klonale Plasmazellen im Knochenmark

Eine abnormale Ratio der freien Leichtketten, ein M-Protein im Serum von mindestens 30 g/l und klonale Plasmazellen im Knochenmark von mindestens 10 % gelten als unabhĂ€ngige Risikofaktoren.cite-ref-kyle-risk-51-2[51] Nach fĂŒnf Jahren liegt das Progressionsrisiko bei Anwesenheit einer dieser Faktoren bei 25 %, bei Anwesenheit von zwei Faktoren bei 51 % und bei Anwesenheit aller drei Faktoren bei 76 %. Die empfohlenen Nachuntersuchungsintervalle sind alle zwei bis drei Monate, bei stabilen Werten im ersten Jahr nach Diagnosestellung alle vier bis sechs Monate und anschließend bei unverĂ€ndert stabilen Werten alle sechs bis zwölf Monate.

Therapie

Bis zum heutigen Stand der Wissenschaft ist eine Heilung des Multiplen Myeloms nicht möglich. RegelmĂ€ĂŸige Labortests sowie Röntgen- und Knochenmarkuntersuchungen informieren ĂŒber den Verlauf der Erkrankung. Eine Einleitung der Therapie ist möglich, wenn sich EndorganschĂ€digungen (CRAB- und SLiM-Kriterien – siehe oben) zeigen.cite-ref-53[53] Es gibt inzwischen zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten, die den Erkrankungsstand ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum stabil halten, die Beschwerden mindern und die LebensqualitĂ€t fĂŒr die Betroffenen deutlich erhöhen können.

Therapie der PrimÀrerkrankung

Betroffene können, je nach Möglichkeit und Indikation, mit Chemotherapie, Medikamenten, die das Immunsystem beeinflussen (Immunmodulatoren), und solchen, die die Knochenauflösung hemmen (Bisphosphonate), behandelt werden sowie eine Knochenmarktransplantation erhalten. Die Überlebensraten haben sich innerhalb der letzten zehn Jahre durch neue Medikamente wie Bortezomib, Carfilzomib, Ixazomib, Lenalidomid, Panobinostat, Pomalidomid und Thalidomid signifikant verbessert.cite-ref-kumar-2008-47-1[47]cite-ref-gentile-2012-54-0[54]cite-ref-moreau-2012-55-0[55]cite-ref-pz-panobinostat-graefe-56-0[56] Die PrimĂ€rtherapie wird fĂŒr jeden Patienten immer individuell festgelegt. Ganz wesentlich beeinflusst z. B. das Alter die Therapieentscheidung. Auch die körperliche Allgemeinverfassung und das Ausmaß der begleitenden Erkrankungen spielen eine große Rolle, welche Therapie als geeignet angesehen werden kann. Theoretisch kommen folgende Möglichkeiten infrage, wobei ein höheres Alter z. B. eine Stammzelltransplantation ausschließt:cite-ref-kumar-2008-47-2[47]cite-ref-gentile-2012-54-1[54]cite-ref-moreau-2012-55-1[55]

Chemotherapie

Die klassische Kombinationstherapie besteht aus dem Zytostatikum Melphalan und dem Cortison-Abkömmling Prednison. Die Chemotherapie lĂ€uft ĂŒblicherweise in Zyklen ab. Bekannte und gefĂŒrchtete Nebenwirkungen sind Haarverlust und Übelkeit. Diese Nebenwirkungen können heute jedoch durch wirksame Medikamente gemildert oder ganz vermieden werden. Ein weiteres Chemotherapeutikum ist Bendamustin, das sich durch ein gĂŒnstigeres Nebenwirkungsprofil auszeichnet. Das Prodrug Melphalanflufenamid (Melflufen) nutzt das Prinzip der Peptid-Wirkstoff-Konjugation, wobei durch Bindung des Alkylators an ein lipophiles Dipeptid die Aufnahme in die Tumorzellen erleichtert wird. Dort wird der aktive Metabolit Melphalan (pharmakologisch aktiver Wirkstoff) durch hydrolytische Spaltung freigesetzt.cite-ref-57[57] Seit 2022 ist Melphalanflufenamid in Kombination mit Dexamethason in der EU zugelassen zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit rezidiviertem oder refraktĂ€rem Multiplem Myelom (r/r MM), die zuvor mindestens drei andere Therapien (aus unterschiedlichen Wirkstoffgruppen) erhalten haben.cite-ref-58[58]

Im Jahr 2019 wurden Bortezomib, Lenalidomid und Thalidomid in verschiedenen Kombinationen fĂŒr die Behandlung des multiplen Myeloms evaluiert. Je nach Kombination kann wahrscheinlich eine teilweise starke VerlĂ€ngerung des GesamtĂŒberlebens erzielt werden.cite-ref-59[59]

Autologe Stammzelltransplantation

Hierbei handelt es sich um die Transplantation von eigenen Stammzellen. Dabei werden Stammzellen aus dem Knochenmark des Patienten gewonnen und nach erfolgter Chemotherapie dem Patienten wieder zurĂŒckgegeben. Diese Stammzellen fĂŒhren meist innerhalb von kurzer Zeit zur Regeneration der Blutbildung.

Allogene Stammzelltransplantation

Bei dieser wesentlich selteneren Methode werden Stammzellen eines fremden Spenders transplantiert. FĂŒr dieses Verfahren mĂŒssen die Patienten bestimmte Voraussetzungen mitbringen. Das blutbildende System des EmpfĂ€ngers wird nachhaltig zerstört, um durch die Gabe von möglichst identischen Blutstammzellen ein neues hĂ€matopoetisches System zu schaffen, welches frei von kranken Blutzellen ist. Im Gegensatz zur autologen Übertragung besteht zwar grundsĂ€tzlich die Gefahr der Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion (Graft-versus-Host disease), allerdings kann dieses PhĂ€nomen auch den positiven Effekt der Graft-versus-Malignom-Reaktion (Graft-versus-Malignom-Effekt) mit sich bringen. Die Patienten mĂŒssen bis zu einem Jahr Medikamente zur UnterdrĂŒckung der Abstoßungsgefahr (Immunsuppressiva) einnehmen. Die allogene Stammzelltransplantation ist neben der Hornhauttransplantation die einzige „Organtransplantation“, bei der die Immunsuppressiva nicht lebenslang eingenommen werden mĂŒssen.

Um Transplantat-gegen-Wirt Reaktionen zu behandeln oder zu vermeiden, wurde der Einsatz von mesenchymalen Stromazellen evaluiert. Mesenchymale Stromazellen verursachen jedoch nur eine geringe oder keine VerĂ€nderung bezĂŒglich der GesamtmortalitĂ€t, der RĂŒckkehr der malignen Erkrankung und der Inzidenz der akuten und chronischen Graft-versus-Host Reaktion bei prophylaktischen Zwecken.cite-ref-60[60]

Strahlentherapie

Im Gegensatz zu einer Chemotherapie wirkt eine Strahlentherapie lokal. Mit ihrer Hilfe soll die TeilungsfĂ€higkeit der bösartigen Zellen gestoppt und dadurch das weitere Wachstum des Tumors verhindert werden. Nebenwirkungen treten lokal auf, je nach Lokalisation können z. B. Hautrötungen, Durchfall oder Übelkeit/Erbrechen auftreten.

Immunmodulation

Immunmodulierende Substanzen (IMiDs fĂŒr den englischen Begriff: Immunomodulatory Imid Drugs) haben sich in den vergangenen Jahren als ausgesprochen wirksames Mittel gegen Krebserkrankungen erwiesen. Dabei wird die AusschĂŒttung von entzĂŒndungs- oder tumorfördernden Stoffen gehemmt. Zu den IMiDs gehören: Lenalidomid (Handelsname: Revlimid) und Thalidomid; Pomalidomid ist in den USA unter dem Handelsnamen Pomalyst auf dem Markt. In Europa wurde Pomalidomid im August 2013 mit dem Handelsnamen Imnovid zugelassen.cite-ref-61[61]cite-ref-62[62]

Anders als beispielsweise eine Chemotherapie, bei der neben der Zerstörung des Tumorgewebes die vorĂŒbergehende BeeintrĂ€chtigung der gesunden Zellen unvermeidlich ist, wirken IMiDs gezielt gegen die tumorauslösenden Prozesse. FĂŒr die Behandlung von Patienten, die mindestens eine vorausgegangene Therapie erhalten haben, wurde von der EuropĂ€ischen Arzneimittelagentur (EMA) im Juli 2007 die perorale Lenalidomid-Darreichungsform (Revlimid Hartkapseln, Celgene) in Kombination mit Dexamethason zugelassen. Es wurde als sogenanntes Arzneimittel fĂŒr seltene Leiden (Orphan-Arzneimittel) eingestuft. In Kombinationstherapie mit Dexamethason ist es bei RĂŒckfĂ€llen oder Therapieversagen effektiver als eine Monotherapie mit Dexamethason.cite-ref-63[63] Lenalidomid verfĂŒgt neben der immunmodulierenden Wirkung ĂŒber weitere Mechanismen der TumorbekĂ€mpfung:cite-ref-kotla-64-0[64]

‱ Aktivierung von Immunzellen (T-Zellen und natĂŒrliche Killerzellen, die ihrerseits die Tumorzellen angreifen)
‱ Wachstumsstopp durch direkten Angriff auf die Tumorzellen
‱ Angiogenesehemmung (Hemmung der Neubildung von BlutgefĂ€ĂŸen, welche den Tumor mit NĂ€hrstoffen versorgen)
‱ UnterdrĂŒckung der Freisetzung von tumorfördernden Botenstoffen
‱ Apoptose durch Zellzyklus-Arrest
‱ Hemmt Osteoklasten-Aktivierung

Proteasominhibition

Proteasomen sind Eiweißkomplexe, die das Wachstum und das Absterben der Zellen (Apoptose) regulieren. Proteasominhibitoren sind Substanzen, die die AktivitĂ€t von Proteasomen hemmen (inhibieren). Sie bewirken eine Verlangsamung des Zellwachstums und eine Beschleunigung der Apoptose. Der erste sowohl in den USA als auch in der EU zugelassene Proteasominhibitor ist Bortezomib (Handelsname: Velcade); Carfilzomib (Handelsname: Kyprolis) wurde 2015 sowohl in den USA als auch in der EU zugelassen.cite-ref-65[65] Ixazomib ist in der EU seit 2016 zugelassen.cite-ref-66[66] Als WirkverstĂ€rker von Proteasominhibitoren ist der Histon-Deacetylase-Hemmer Panobinostat (Handelsname: Farydak) seit 2015 in der EU zur Behandlung des Multiplen Myeloms unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen.cite-ref-pz-panobinostat-graefe-56-1[56]cite-ref-67[67]

Biologika

Neuere Forschungen haben zur Entwicklung hochspezifischer Biologika gefĂŒhrt, die seit einiger Zeit fĂŒr die Therapie des Multiplen Myeloms zugelassen sind. Darunter die monoklonalen Antikörper Isatuximab, Daratumumab und Elotuzumab. WĂ€hrend Isatuximab und Daratumumab spezifisch an das Glykoprotein CD38 binden, welches auf Myelomzellen ĂŒberexprimiert vorliegt, wodurch die Apoptose der Zellen ausgelöst wird,cite-ref-lokhorst2015-68-0[68]cite-ref-69[69] entfaltet Elotuzumab seine immunstimulatorischen Eigenschaften durch die Interaktion mit dem OberflĂ€chenprotein SLAMF7 auf Myelomzellen.cite-ref-pi-70-0[70] Das erst im August 2020 in der EU zugelassene Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Belantamab-Mafodotin (Handelsname: Blenrep, Hersteller: GlaxoSmithKline) steht drei Jahre spĂ€ter vor dem Aus. Es ist angezeigt zur Behandlung des Multiplen Myeloms bei erwachsenen Patienten, die bereits mindestens vier Therapien erhalten haben und deren Erkrankung refraktĂ€r gegenĂŒber mindestens einem Proteasom-Inhibitor, einem Immunmodulator und einem monoklonalen Anti-CD38-Antikörper ist, und die wĂ€hrend der letzten Therapie eine Krankheitsprogression zeigten.cite-ref-71[71]cite-ref-72[72] Nach PrĂŒfung zusĂ€tzlich erhobener Daten folgerte der Ausschuss fĂŒr Humanarzneimittel im September 2023, dass die Ergebnisse der neuen Studie DREAMM-3 die Wirksamkeit von Belantamab-Mafodotin, wie sie bei der Erteilung der bedingten Zulassung angenommen wurde, nicht bestĂ€tigten. Das Arzneimittel zeigte keine Überlegenheit im progressionsfreien Überleben gegenĂŒber mit Pomalidomid und niedrig dosiertem Dexamethason behandelten Patienten.cite-ref-europa-ema-reco-73-0[73] Aus der Klasse der bispezifischen Antikörper wurden 2023 zwei Vertreter zugelassen bzw. zur Zulassung empfohlen: Talquetamab (Handelsname: Talvey; Hersteller: Janssen Biotech/Janssen Pharmaceutica; USAcite-ref-74[74] und EUcite-ref-75[75] im August 2023) und Elranatamab (Handelsname: Elrexfio; Hersteller: Pfizer; USA im August,cite-ref-76[76] EU im Oktober 2023cite-ref-77[77]).

Supportivtherapie

ErgĂ€nzende (sogenannte supportive) therapeutische Maßnahmen können helfen, begleitende Symptome einzudĂ€mmen und Komplikationen vorzubeugen. Daher wurde evaluiert, ob körperliche BetĂ€tigung als ErgĂ€nzung zu der Standardtherapie Vorteile fĂŒr die Patienten hat. Die Evidenz ist sehr ungewiss bezĂŒglich des Effekts von körperlicher BetĂ€tigung auf Angst und schwere unerwĂŒnschte Ereignisse. Körperliche BetĂ€tigung verursacht eventuell nur eine geringe oder keine VerĂ€nderung bezĂŒglich der MortalitĂ€t, der LebensqualitĂ€t und der körperlichen Funktion. Körperliche BetĂ€tigung verursacht eventuell eine schwache Verringerung von Depressionen.cite-ref-78[78]

Verlaufskontrolle

Anhand verschiedener Parameter kann die EffektivitĂ€t einer Therapie beurteilt werden. Nachfolgend sind die aktuell gĂŒltigen Definitionen aus internationalen und nationalen Leitlinien aufgelistet, die hierbei Anwendung finden.cite-ref-kumar-2016-79-0[79]

Remissionskriterien

| Kriterium/Status | M-Protein in SPE | M-Protein in IFE | Freie Leichtketten | Manifestation in Weichteilen | Anteil Plasmazellen im Knochenmark |
|---|---|---|---|---|---|
| stringente komplette Remission (sCR) | | nicht nachweisbar in Serum und Urin | normalisierte Ratio der freien Leichtketten | keine nachweisbar | ≀ 5 %; keine klonalen Plasmazellen nachweisbar durch Immunhistochemie |
| komplette Remission (CR) | | nicht nachweisbar in Serum und Urin | | keine nachweisbar | ≀ 5 % |
| sehr gute partielle Remission (VGPR) | mind. 90 % Reduktion im Serum und weniger als 100 mg/24h im Urin oder kein M Protein in Serum und Urin nachweisbar | nachweisbar | | | |
| partielle Remission (PR) | mind. 50 % Abnahme im Serum und mind. 90 % Reduktion im Urin oder weniger als 200 mg/24h im Urin | | falls M-Protein nicht bestimmbar gilt > 50 % Reduktion der Differenz aus tumorassoziierter (involvierter) und nicht-tumorassozierter (nicht-involvierter) freier Leichtkette = dFLC | > 50 % Reduktion (obligates Kriterium) | falls Anteil vor Therapie ĂŒber 30 % und falls M-Protein und freie Leichtketten Ratio nicht bestimmbar gilt eine Reduktion der Infiltration um ĂŒber 50 % |
| stabile Erkrankung (SD) | keinerlei der Kriterien erfĂŒllt | keinerlei der Kriterien erfĂŒllt | keinerlei der Kriterien erfĂŒllt | keinerlei der Kriterien erfĂŒllt | keinerlei der Kriterien erfĂŒllt |
| progressive Erkrankung (PD) | mind. 25 % Anstieg im Serum und absolut mind. 0,5 g/dl und/oder mind. 25 % Anstieg im Urin oder absolut ≄ 200 mg/24h | | mind. 25 % Anstieg der dFLC im Serum, absolut um mindestens 100 mg | Progress oder Neuauftreten | > 25 % Anstieg in Bezug auf den Wert zum Zeitpunkt des besten Ansprechens und absolut mind. 10 % |

Minimale Resterkrankung (MRD)

Bei einer großen Mehrheit der Patienten ist auch nach Erreichen einer kompletten Remission mit verschiedenen Methoden eine minimale Resterkrankung (im Englischen als minimal residual disease (MRD) bezeichnet) nachweisbar.cite-ref-davies-80-0[80] In einem solchen Fall ist der Patient dabei nicht als geheilt zu betrachten und unter UmstĂ€nden kann es im spĂ€teren Verlauf zu einem Rezidiv kommen. Zwischenzeitlich etablierte Methoden zum Nachweis einer Resterkrankung sind Next-Generation-Sequencing, Durchflusszytometrie sowie MRT und PET.cite-ref-kumar-2016-79-1[79] Neuere Studien zeigen außerdem, dass durch die serologische Bestimmung der Immunglobuline, entsprechend ihrer gebundenen Leichtkette, Aussagen ĂŒber eine möglicherweise zugrundeliegende minimalen Resterkrankung getroffen werden kann - z. B. IgGÎș als M-Protein im Normbereich und IgGλ als normales (polyklonales) Immunglobulin unterhalb des Normbereichs als Hinweis fĂŒr eine MRD.cite-ref-ludwig-hlc-81-0[81]cite-ref-michallet-82-0[82] Bei einer nachgewiesenen MRD-NegativitĂ€t, ist von einem lĂ€ngeren progressionsfreien als auch GesamtĂŒberleben auszugehen.cite-ref-munshi-et-al-83-0[83] Diese Methoden sind aktuell noch kein Standard und tragen zurzeit noch nicht prĂ€diktiv fĂŒr weitere Therapieentscheidungen bei.cite-ref-84[84]

Selbsthilfegruppen

FĂŒr das Multiple Myelom gibt es verschiedene Selbsthilfegruppen in Deutschland. Die grĂ¶ĂŸte Selbsthilfegruppe ist die AMM-Online (Arbeitsgemeinschaft Multiples Myelom (Plasmozytom, Morbus Kahler) Online-Netzwerk fĂŒr Patienten/-innen und Angehörige)cite-ref-85[85], die u. a. folgendes anbietet:

‱ ein umfangreiches Informationsangebot in allen Stadien der Erkrankung – vom MGUS ĂŒber das schwelende Myelom (SMM) bis hin zum behandlungsbedĂŒrftigen Multiplen Myelom
‱ ein Patienten- und Angehörigenforum
‱ eine Auflistung von aktuell rekrutierenden Myelom-Studien in Deutschland
‱ eine Übersicht aller deutschsprachigen Myelom-Selbsthilfe-Gruppen

DarĂŒber hinaus bietet die AMM-Online einen monatlichen virtuellen Stammtisch an, bei dem sich Patienten und Angehörige austauschen können.

Literatur

‱ M. A. BĂ€rtsch Aktuelle Aspekte bei der Diagnostik und Therapie des Plasmazellmyeloms. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 142, Nr. 11, 2017, S. 800–804.
‱ D. Felsenberg Monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS). In: Forum Sanitas. 2018, 2. Ausgabe, S. 39–41.
‱ Hartmut Goldschmidt: Das Multiple Myelom (Plasmozytom). Diagnose und Therapie. 2. Auflage. Unimed, Bremen 2011, ISBN 978-3-8374-1032-7.

‱ Das Multiple Myelom – Diagnose und Therapie. 3., grĂŒndlich ĂŒberarbeitete Auflage. UNI-MED, Bremen 2023, ISBN 978-3-8374-1659-6.

‱ Robert A. Kyle, David P. Steensma: Multiple Myeloma: A History. In: James S. Malpas, Daniel E. Bergsagel, Robert E. Kyle: Myeloma: Biology and Management. Saunders, 3. Auflage, 2004, S. 99–117, ISBN 978-0-7216-0006-2.
‱ K. M. KortĂŒm Das multiple Myelom. In: Der Internist. Band 54, Nr. 8, 2013, S. 963–977.
‱ Jossip v. Rustitzky: Multiples Myelom. In: Deutsche Zeitschrift fĂŒr Chirurgie.# 3, 1873, S. 162–172, Aufsatz im Volltext – auf dem Server der Bayerischen Staatsbibliothek.
‱ Christian Straka, Hermann Dietzfelbinger (Hrsg.): Manual Multiples Myelom. Empfehlungen zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Tumorzentrum MĂŒnchen. 5., ĂŒberarbeitete Auflage. W. Zuckschwerdt Verlag, MĂŒnchen 2017, ISBN 978-3-86371-211-2.

Weblinks

‱ AMM-Online. Netzwerk fĂŒr Myelom-Patienten, Informationsportal mit Patientenforum
‱ Myelom.Online e. V. gemeinnĂŒtzige bundesweit tĂ€tige Selbsthilfe- und Patientenorganisation von Patientinnen, Patienten und Angehörigen
‱ Offizielle Seite der International Myeloma Working Group (englisch)
‱ Plasmozytom / Multiples Myelom. Antworten. Hilfen. Perspektiven. (PDF; 1,17 MB) Blauer Ratgeber #22 der Deutschen Krebshilfe
‱ Myelom Kontaktgruppe Schweiz
‱ Multiples Myelom, Pathologie – Bilddatenbank Pathopic der UniversitĂ€t Basel; PathoPic – Anleitung (PDF; 2,2 MB)
‱ Patientenleitlinie Multiples Myelom, 1. Auflage, August 2022. 9. August 2022, abgerufen am 12. August 2022.
‱ Multiples Myelom – Eine Krebserkrankung des Knochenmarks – Patientenhandbuch (deutschsprachige Ausgabe) der International Myeloma Foundation
‱ Multiples Myelom – Eine Krebserkrankung des Knochenmarks – Kurze Zusammenfassung der Krankheit und Therapiemöglichkeiten (deutschsprachige Ausgabe) der International Myeloma Foundation
‱ Multiples Myelom – Eine Krebserkrankung des Knochenmarks - Freelite¼ - und Hevylite¼-Serum-Assays verstehen. (deutschsprachige Ausgabe) der International Myeloma Foundation
‱ wikilite.com – englischsprachige Informationsseite zum biologischen Hintergrund, Diagnostik, Verlaufskontrolle und Therapie Monoklonaler Gammopathien
‱ The Myeloma Beacon englischsprachige Seite mit aktuellen Informationen zum Multiplen Myelom
‱ Operative Therapienotwendigkeit beim Multiplen Myelom

Einzelnachweise

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